Gute Infrastruktur kennt kein Alter – die welterste Senior Mass

Keine Bevölkerungsgruppe wächst so schnell wie sie: Senior*innen, die auch ohne Auto mobil bleiben und sich gesund, sicher und klimafreundlich fortbewegen wollen. Doch der Radverkehr in Berlin ist nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet: Radwege fehlen oder sind zu schmal, oft gefährlich, häufig unübersichtlich. In 2025 fanden sich Antje, Sinje und Miro aus dem Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg zusammen, um das zu ändern. Die Idee: eine Senior Mass, eine Fahrraddemo speziell für ältere Menschen!

Wie ist die Idee entstanden, ausgerechnet eine Fahrraddemo für Senior*innen zu starten?

Antje: Die Idee haben wir schon 2024 diskutiert. Auch weil ich mir das Fußgelenk gebrochen hatte und dann zeitweise auf Rollstuhl und Krücken angewiesen war. Damit rückte die Dringlichkeit einer eigenständigen Mobilität in allen Lebenslagen für uns alle mehr in den Fokus. Fahrradfahren ist für viele ein echtes Bedürfnis – ältere Menschen haben, wie Kinder, aber oft einen höheren Anspruch an sichere Infrastruktur. In einer alternden Gesellschaft ist der Bau sicherer Radwege ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge. Alt werden wir alle! 

Miro: Wir veranstalten schon seit 2019 Kidical Masses, also Kinderfahrrad-Demos, um auf die Bedürfnisse von Kindern im Straßenverkehr hinzuweisen. Als Antje irgendwann erwähnt hat, dass wir eigentlich auch für Senior*innen etwas Ähnliches veranstalten müssten, hat das bei mir was ausgelöst! Die Vielzahl an Meldungen verunglückter Senior*innen im Straßenverkehr habe ich ab dem Zeitpunkt viel bewusster wahrgenommen. Tatsächlich sind Senioren*innen die im Autoverkehr am stärksten gefährdete Bevölkerungsgruppe. Irgendwann habe ich – komplett spontan – als ich an einem Infostand der Omas for Future vorbeikam, die Idee einer Senior Mass angesprochen und Kontakte ausgetauscht. Dann kam noch eine Gruppe umweltpolitisch engagierter Senior*innen dazu, und wir hatten unsere ersten Verbündeten gefunden!

Sinje: Seit der Schwarz-roten Koalition in Berlin gibt es die Tendenz, Radfahrende gegen Autofahrende, Alte gegen Junge, Innenstadt- gegen Außenbezirke auszuspielen. Für uns ist das Quatsch: Wir wollen alle gut ankommen. Und wir verdienen Schutz und sichere Wege! 

Das ehrenamtliche Senior-Mass-Team vom Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg. In 2026 geht es weiter!

Unser Bezirk, Tempelhof-Schöneberg, liegt sowohl im Innenstadtring als auch am Stadtrand. Akzeptable Radwegverbindungen gibt es aber nirgends im Bezirk, trotz Volksentscheid Fahrrad, Mobilitätsgesetz und jahrelangem Engagement. Es war einfach Zeit, endlich zu zeigen: Gute Radwege brauchen nicht nur junge Leute in den Innenstadtbezirken! 

Das war ja die welterste Senior Mass, die Ihr da veranstaltet habt. Was hat Euch überrascht?

Miro: So wie Schwangere plötzlich überall andere Schwangere sehen, sind mir seit der Vorbereitungsphase zur Senior Mass plötzlich die vielen Menschen fortgeschrittenen Alters aufgefallen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Und in vielen Gesprächen beim Flyer Verteilen habe ich nochmal ganz andere Perspektiven auf das Radfahren bekommen. Ein Senior fuhr ein Liegerad. Das fand ich cool! Was er mir erst erzählen musste: Aufgrund eines Rückenleidens kann er normale Räder nicht mehr fahren, sondern eben nur ein Liegerad. Andere sind mit Dreirad unterwegs. Da habe ich gelernt: Es braucht nicht nur breite Wege, es ist auch total wichtig, dass die Wege nicht zu holprig sind. Auch Schwellen zur seitlichen Begrenzung sind keine gute Lösung für Leute im Dreirad.

Auch wir finden Radfahren natürlich mega praktisch im Alltag. Für Seniorinnen bringt es aber noch einmal andere Vorzüge: Wer etwa nicht mehr so gut zu Fuß ist, kann mit dem Fahrrad trotzdem aktiv mobil bleiben, ohne übermäßig angestrengt zu sein. Und:

Den schweren Einkaufskorb trägt das Fahrrad für uns!

Antje: Und wir wissen, dass Einsamkeit im Alter echt ein Thema ist. Aber nur wenn Wege nicht zu beschwerlich sind, geht man gern aus dem Haus, pflegt Freundschaften, besucht Treffpunkte oder die Bücherei. Selbstbestimmt mobil zu sein mit dem Fahrrad, das bedeutet Teilhabe! Das gilt in Berlin umso mehr, seitdem die Ticketpreise noch einmal erhöht wurden und nun auch das Seniorenticket entfällt. Das Fahrrad ermöglicht Menschen mit kleiner Rente Mobilität im Alltag.

Und das Wichtigste: Wie war’s??

Sinje: Für die meisten war das die erste Fahrraddemo. Ganz ohne Angst vor drängelnden Autos gemeinsam durch die Straßen zu radeln: Das war ein ganz neues Erlebnis, das vor allem viel Spaß gemacht hat. Besonders gut kamen die Rikschas an. So konnten auch Menschen dabei sein, die allein nicht hätten mitradeln können – darunter eine über 90-Jährige mit Sehbehinderung, die sich bei den Omas for Future für Verkehrswende und Klimaschutz engagiert. Aus der Rikscha heraus hat sie per Mikrofon Ansagen gemacht, damit die Passant*innen wissen, was das für ein Aufzug ist, mit lauter älteren Leuten und den leuchtend roten Rikschas. Da blieben die Leute schon staunend stehen!

Wir machen uns stark für sichere Radwege in Berlin.

Was treibt Euch an, Euch ehrenamtlich so konsequent für sichere Radwege einzusetzen? Und gibt es eigentlich auch Erfolge zu feiern?

Miro: Als meine Kinder klein waren, war die schlechte Luft in der Stadt für mich immer Anlass zur Sorge. Pseudokrupp, Asthma und Lungenentzündungen. Mit welcher Selbstverständlichkeit die um uns herumbrausenden Autofahrenden unsere Atemluft vergiften, hat mich da zunehmend wütend gemacht. Mit zunehmender eigenständiger Mobilität der Kids kam noch ein weiterer Aspekt der Sorge um deren körperliche Unversehrtheit hinzu: Dass ein Kind ab dem vollendeten 10. Lebensjahr nicht mehr auf dem Fußweg fahren darf, sondern gänzlich ungeschützt im rauschenden Verkehr auf der Fahrbahn fahren muss, war für mich eine Horrorvorstellung! Mit vereinten Kräften haben wir vom Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg uns für geschützte Radwege auf der wichtigsten Straße in Tempelhof eingesetzt. Das war ein langer Weg – aber ein erfolgreicher! Nun können Eltern auch mit ihren Kindern im Schlepptau sicher zum Rathaus oder in die Einkaufsstraße radeln. Auch Menschen mit Rolli sieht man nun auf dieser Strecke. Solche Erfolge geben mir Kraft für weiteres Engagement.

Antje: Es war eine große Überraschung für mich, dass selbst eingefleischte Radfahr-Fans bei ihren Berlinbesuchen bei mir nicht auf’s Fahrrad steigen wollten. Zu unsicher, zu unübersichtlich und einfach auch super gefährlich. Im Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg setzen wir uns deshalb dafür ein, dass durchgehende, sichere, barrierefreie Rad- und Fußwege gebaut werden. Denn schlechte Infrastruktur ist nicht gottgegeben!

Da ist in den letzten Jahren durchaus was passiert. Froh bin ich darüber, dass aus den einzelnen Maßnahmen der letzten Jahre ganz langsam eine Wegeverbindung wird, auf der Menschen jeden Alters und Fähigkeiten sicher radeln können. Solange man dabei Kreuzungen wie den Innsbrucker Platz überqueren muss, gibt es aber noch sehr viel zu tun. 

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