Eine neue Studie widerlegt die These, dass der Berliner ÖPNV im Vergleich zu anderen Städten hervorragend ist. Maßstab dieser Studie ist die Effizienz des ÖPNV relativ zum privaten Pkw. Wenn es der CDU-geführten Senatsverwaltung wirklich um Gerechtigkeit auf den Straßen ginge, müsste sie die Abhängigkeit der Menschen vom Auto reduzieren und ihnen durch die Förderung des ÖPNV, des Rad- und Fußverkehrs echte Freiheit in der Wahl der Verkehrsmittel ermöglichen.
Selbst Seattle steht laut der Studie besser da als Berlin! Sie vergleicht die mögliche Erreichbarkeit von Zielen mit dem Auto und mit dem ÖPNV. In Berlin sind die meisten Ziele gut mit dem Auto zu erreichen. Zu günstige und zu vielfältige Parkmöglichkeiten sowie der Verzicht auf eine City-Maut fördern den motorisierten Individualverkehr, während fehlende ÖPNV-Verbindungen und nicht vorhandene Radwege Menschen vom Umstieg auf den Umweltverbund abhalten. Obwohl Berlins ÖPNV gar nicht schlecht ist, erhöhen der umfangreiche Autobesitz und die sehr autofreundliche Infrastruktur die Abhängigkeit vom Auto (rot). Das Berliner Bild zeigt aber auch deutlich, dass ÖPNV-Fahrten entlang einiger U- und S-Bahnlinien schon heute mit dem Auto konkurrenzfähig sind (weiß). Die Studie stellt fest, wo das Auto im Alltag strukturell deutlich im Vorteil ist und wo ÖPNV, Fuß- und Radverkehr bereits gleichwertige Alternativen sind. Während Politiker*innen anführen, dass viele Menschen ja „aufs Auto angewiesen” seien und man ihnen deswegen noch mehr Straßen bauen müsse, ist tatsächlich das Gegenteil der Ausweg: Es geht um eine Abhängigkeit vom Auto, die reduziert werden muss, damit Menschen frei entscheiden können, welches Verkehrsmittel sie benutzen.

Karte der Autoabhängigkeit (car dependency index, CDI). In den blauen Bereichen ist der ÖPNV effizienter als der Kfz-Verkehr. In den roten ist es umgekehrt. Periphere Bereiche sind generell autoabhängiger, aber S- und U-Bahn-Stationen haben einen positiven Effekt – sichtbar in den weißen Flecken, wo ein Auto nicht unbedingt notwendig ist.
In allen untersuchten Städten zeigt sich eine scheinbare Selbstverständlichkeit: Wo das Auto einfacher, schneller oder verlässlicher ist, wird es benutzt. Die Studie zeigt aber auch großes Potenzial auf: In Paris und Zürich sind die Alltagsziele mit dem ÖPNV besser zu erreichen als mit dem Pkw; zwei Städte, die wesentlich kleiner sind als Berlin. Aber in 13 der 19 untersuchten Städte ist die Effizienz des ÖPNV besser als in Berlin. Das Potenzial für Berlin ist groß – wenn der ÖPNV konsequent ausgebaut würde.

Der Opportunity Score misst die potenzielle Erreichbarkeit von Alltagszielen mit ÖPNV innerhalb eines angemessenen Zeitraums.
„Es ist traurig zu sehen, wie groß die Autoabhängigkeit in Berlin ist. Vor allem der Nordosten und der Südosten sind so schlecht angebunden, dass das Auto hier definitiv das effizienteste Verkehrsmittel ist. Wiederum zeigt das Bild auch, dass der ÖPNV im Zentrum der Stadt zumindest dem Auto ebenbürtig ist. Es müsste jeder*m Politiker*in nun klar sein, wie dringend der Ausbau des ÖPNV und die Verbesserung der Radinfrastruktur voranzutreiben sind, um die Klimaneutralität in weniger als 20 Jahren zu erreichen. Kiezblocks und autofreie Zonen können dort eingerichtet werden, wo die Erreichbarkeit mit dem ÖPNV gut ist und so die Autoabhängigkeit weiter reduzieren. Mit einem „Weiter so“ wird das nichts!“, kommentiert Ragnhild Sørensen von Changing Cities.
„To achieve net-zero emissions, cities must transition away from reliance on private vehicles” – mit diesem Satz beginnt die Studie [Um Klimaneutralität zu erreichen, müssen Städte davon wegkommen, dass Menschen auf private Fahrzeuge angewiesen sind]. Sie untersucht, wie Städte Erreichbarkeit organisieren und wie Menschen das Angebot nutzen. Ist das Auto das effizienteste Mittel, nutzen es die Menschen, auch wenn es mit Stau, schlechter Luft, Lärm und Stress verbunden ist.
Weiterführende Links:
Studie „Car Dependency in Urban Accessibility”: https://arxiv.org/pdf/2604.01019