Die Berliner Straßen lassen tödliche Geschwindigkeiten zu. Am Mittwochabend prallte ein 35-Jähriger mit seinem hochmotorisierten Fahrzeug gegen einen Baum auf dem Mariendorfer Damm und starb kurz darauf am Unfallort. Es war nicht der erste schwere Unfall des Fahrers. Vor 15 Jahren tötete er mit dem Fahrzeug seines Vater einen Radfahrer und beging Unfallflucht. Ein Fahrer, zwei Tote – wieso bremsen wir Menschen nicht aus, um andere und auch sie selbst zu schützen, fragt Changing Cities.
Die großen Berliner Einfallstraßen – überbreite Schneisen aus Asphalt – sind gebaut für Tempo, nicht für Sicherheit. Sie sind Beschleunigungsstrecken, die Stadtteile zerschneiden. Mit breiten Fahrbahnen, kaum Querungsmöglichkeiten, fehlender baulicher Trennung für die unterschiedlichen Verkehrsarten und selten mit wirksamen Temporegelungen. Die Polizei und die Verwaltungen wissen das. Sie lassen sehenden Auges zu, dass Menschen verletzt und getötet werden. Diese fatalen Kollisionen werden als Einzelfälle wahrgenommen, als „Unfälle“. Aber Verkehrsunfälle stellen ein systemisches Problem dar und sind auch nur als solches zu lösen. Mit Straßen, die für niedrige Geschwindigkeiten gebaut sind, mit sicheren Rad- und Fußwegen und mit Vorrang für Bus und Tram.
Wie im Falle des 35-Jährigen individualisiert auch die Justiz das systemische Versagen und behandelt die menschlichen Verletzungen und Tötungen als einen bedauerlichen Unfall. Der 35-Jähriger bekam 2013 nur ein Jahr auf Bewährung und durfte schon zwei Jahre nach der Tat wieder Auto fahren, obwohl die Höchststrafe für fahrlässige Tötung fünf Jahre, für Unfallflucht drei Jahre Haft beträgt. Jetzt ist er wieder gerast – und daran gestorben.
„Verkehrsunfälle sind keine zufälligen Ereignisse, sie sind das Ergebnis politischer Untätigkeit, planerischer Ignoranz und wiederholter juristischer Nachsicht. Wenn wir Menschenleben wirklich schützen wollen, müssen wir den Menschen als Maßstab und Grundlage für die Stadtgestaltung nehmen. Solange wir aber dem Auto diese Rolle zuschreiben – wie es die CDU offensiv tut und dafür wirbt – werden Menschen weiterhin regelmäßig verletzt und getötet. „Unfälle“ gehören wie Tankstellen, Winterreifen und Verkehrsschilder zur autogerechten Stadt dazu. Dabei sind die sogenannten Unfälle mit wenigen Maßnahmen vermeidbar. Wir wissen, dass wir dem Sterben ein Ende setzen können. Aber wir tun es nicht, wir lassen bewusst das Töten und das Verletzen zu“, kommentiert Ragnhild Sørensen von Changing Cities.