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Offener Brief an Frau Senatorin Günther - Summary Mobilitätskonferenz

Sehr geehrte Frau Senatorin Günther,
wir möchten uns ganz herzlich bei Ihnen bedanken für die Einladung zur 1. Internationalen Mobilitätskonferenz. Der Austausch mit den Vertretern der Partnerstädte und mit Ihren Mitarbeitern war für uns sehr inspirierend und konstruktiv. Alle Städte sind mit viel Spirit und großem Engagement dabei, die Verkehrswende bei sich umzusetzen.
Wir würden uns sehr freuen, wenn wir von allen Partnerstädten einige Best Practice-Beispiele übernehmen, in Berlin anwenden und weiterentwickeln könnten. Hier ist die Liste unserer Favoriten:

Brüssel
Minister Smet erschien uns als charismatische Leitfigur und als Vorbild, der die Ziele einer lebenswerten Stadt selbst vorlebt. Die Kampagne „Berlin Bicycle Mayor“ könnte uns auch in Berlin zu einer solchen integrierenden und richtungsweisenden Leitfigur bringen.
Mit dem Boulevard Anspach ist in Brüssel die zweitgrößte Fußgängerzone Europas entstanden. Vielleicht könnte dieses Projekt eine Inspiration für die Berliner Friedrichstraße sein, um Berlin endlich eine echte Mitte zum Flanieren zu geben und die dort gemachten Fehler der 90er Jahre zu korrigieren.

Paris
Der Weg zum verkehrsberuhigten, weltweit beachteten Projekt am Seineufer ging über mehrere Zwischenschritte. Wie wäre es, im Sommer beispielsweise temporär einen Abschnitt des Halleschen, Schöneberger oder Tempelhofer Ufers für zwei Monate für den Verkehr zu sperren, mit Sand und Liegestühlen auszustatten und den Landwehrkanal an dieser Stelle den Menschen zurückzugeben?
Für den im Koalitionsvertrag bereits entschiedenen Weg zum Boulevard Unter den Linden könnten die Champs Elysées mit ihren autofreien Sonntagen ein Vorbild sein. Wir schlagen vor, den Boulevard bis zum großen Umbau jeden ersten Sonntag im Monat zu sperren und ihn mit Musik exklusiv den aktiven Verkehrsarten zur Verfügung zu stellen.

London
Die Britische Hauptstadt hat mit dem Slogan „Healthy Streets“ eine sehr eingängige und klare Vision, die für alle Bürger verständlich ist. Wie erklären wir die Verkehrswende in einer Kampagne so prägnant, wie wir früher „arm aber sexy“ waren? Sind es „gesunde Straßen“, oder „grüne Straßen“ oder möglicherweise „Straßen, die dich lieben“?
Mit der Congestion Charge hat London ein sehr erfolgreiches und inzwischen etabliertes Regulierungsinstrument eingeführt, ohne das die Abkehr vom übermäßigen Autoverkehr nie möglich gewesen wäre. Welche wirksamen, steuernden Regulierungsinstrumente für die lebenswerte Stadt mit deutlich weniger Autos plant Berlin? Das UBA sprach beispielsweise von einer fahrleistungsabhängigen City-Maut.

Moskau
Die russische Hauptstadt arbeitet an einer weitgehend autofreien Innenstadt und erhöht damit massiv die Lebens- und Aufenthaltsqualität. Dabei gibt es Straßen komplett ohne parkende Autos, ein großartiges Vorbild für Berlins neue Mitte hinter dem Stadtschloss oder möglicherweise das historische Quartier rund um die Hackeschen Höfe.
Zudem arbeitet Moskau konsequent an der Digitalisierung. Neue Technologien der Vernetzung und Beteiligung, aber auch des autonomen Fahrens bringen neue Chancen und Risiken. Wann beginnt Berlin sich diesem Thema zu widmen, damit wir die Chancen konsequent in Richtung vernetzte, effizient genutzte und geteilte Fahrzeuge nutzen und frühzeitig die Weichen für das Ende des Privat-Pkw in der Innenstadt stellen?

Los Angeles
L.A. ermöglicht insbesondere ärmeren Nachbarschaften, ihre Straße temporär in eine Spielstraße zu verwandeln und hat dafür eine extra Tool-Box mit Spielzeugen, Liegestühlen und Sonnenschirmen entwickelt. In Berlin gibt es in vielen Straßen die Sehnsucht, dass Kinder und Erwachsene ihre Straße bespielen dürfen. Eine perfekte Beteiligungsform, um die Verkehrswende spielerisch in die Köpfe zu bringen.
Die Tram nach Santa Monica wurde auch gegen heftige Widerstände konsequent umgesetzt, heute lieben sie die Menschen dort. In Berlin beginnen die gleichen Diskussionen, z. B. im Rahmen der Verlängerung der M10 zum Herrmannplatz. Wir wünschen uns die gleiche Standhaftigkeit und Überzeugungskraft im Rahmen der Beteiligungsverfahren, damit wichtige ÖPNV-Projekte zügig und professionell realisiert werden.

Peking
Peking zeigt eine erstaunliche Konsequenz in der flächendeckenden Parkraumbewirtschaftung mit angemessen Gebühren und digital unterstützter Kontrolle gegen Falschparken. Ein Schritt, der in Berlin seit Jahren überfällig ist.
Enormes Wachstum zwingt Peking, in großem Stil neue Siedlungen zu errichten. Dabei wird ein starkes Augenmaß auf die Verkürzung der Pendelwege und gute U-Bahnanbindung gelegt. Auch in Berlin gibt es Chancen für neue Siedlungen mit kurzen Wegen. Wie wäre es zum Beispiel, das Kurt-Schumacher-Quartier in Tegel und das Pankower Tor gleich von Beginn an autofrei zu gestalten?

Sicherlich lässt sich vieles nicht 1:1 übertragen und die obige Auflistung soll vielmehr als Inspiration für die „neuen Wege für Berlin“ gesehen werden. Wir würden uns freuen, im Rahmen der anstehenden Dialogrunden zur Ausgestaltung und Erweiterung des Berliner Mobilitätsgesetzes diese und weitere Anregungen gemeinsam mit Ihnen weiter zu denken. Vielleicht haben Sie ja auch bereits eigene Favoriten für Berlin? Über Ihr Feedback freuen wir uns.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Team von Changing Cities e.V.

Für den Vorstand
Isabell Eberlin
Tim Lehmann

 

Ansprechpartner*innen für die Presse bei Changing Cities e.V.:

Ragnhild Sørensen, ragnhild.soerensen@changing-cities.org, 0171 535 77 34

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