Faire Straßen - Vision 1

VISION #1 – wie gelingt Verkehrswende?

von Daniel

Nachdem wir es im Angesicht der Bedrohung durch ein nicht sichtbares und nicht vollständig kontrollierbares Virus so schnell geschafft haben, unsere Prioritäten neu zu ordnen, sollte sich auch die zukünftige Verkehrspolitik gewisse Fragen stellen. Hier sind ein paar, die mir einfallen. Sicher ist die Liste unvollständig und könnte um viele weitere Fragen erweitert werden:

  • Inwiefern werden zur Wahrung der Freiheiten Einzelner Risiken für Andere in Kauf genommen? Wo wollen wir als Gesellschaft einen ausgeglichenen Punkt in diesem Spannungsfeld setzen?
  • Können wir Kosten und Nutzen von Maßnahmen auch anders als finanziell bewerten? Gibt es bestimmte Preise, die wir nicht mehr monetarisieren wollen, sondern einfach nicht mehr bereit sind zu akzeptieren?
  • Kann staatliche Einflussnahme für eine nicht durch die normalen Markt-Theorien abbildbare Herausforderung, wie die Corona-Krise, aber auch der Klimawandel, die bessere Alternative zum Dogma des alles regelnden Marktes werden?
  • Wo können wir alle uns als Individuen freiwillig ein kleines Stück einschränken, um allen mehr Möglichkeiten zu lassen und somit als Gesellschaft insgesamt gewinnen?
  • Welche bereits heute verfügbaren Technologien bieten sich als schneller und günstiger umzusetzende Alternative zu technologischen Großprojekten mit unsicherem Ausgang an?
  • Was definieren wir als systemrelevant und damit als nicht diskutable Grundversorgung und investieren in die zugehörige Technik und das Personal? Worauf können wir eher verzichten?
  • Werden wir in Zukunft mehr auf physische Abschottung setzen oder machen wir das Beisammensein angenehmer und sicherer?

Angewandt auf einige der Fragen, die sich aktuell, aber auch für eine Zeit nach Corona stellen, sind vielleicht folgende Antworten denkbar oder rücken zumindest ein Stück weiter in Richtung dessen, was bald realistisch ist.

Nehmen wir die Frage eines Tempolimits, sowohl auf Autobahnen, als auch eine neue Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h innerorts. Dies führt zu einer Senkung des Risikos schwerer Unfälle, während es niemandem die Möglichkeit nimmt, seine/ihre Mobilität umzusetzen. Momentan sieht es ein großer Teil der Bevölkerung als gerechtfertigt an, auf weite Teile des Soziallebens zu verzichten, um das Leben Anderer zu schützen. Nach dieser Erfahrung kann nicht mehr ernsthaft argumentiert werden, dass die Begrenzung der Geschwindigkeit eines Fahrzeuges als nicht zumutbar abzulehnen ist, insbesondere, wenn auf der Straße zu Fuß Gehende und Radfahrende automatisch eine Risikogruppe gegenüber den Autofahrenden darstellen. Eventuell ist jetzt auch ein Perspektivwechsel möglich: weg vom Gefühl der Einschränkung der Freiheit des eigenen Tempomats hin zum Gefühl, etwas zum Wohl der Allgemeinheit und zum Schutz derjenigen beizutragen, die besonders gefährdet sind.

Momentan werden bei der Investition in Verkehrsinfrastruktur Kosten-Nutzen-Analysen angewandt. Diese messen allem einen Wert zu, auch einem Menschenleben. Genauso wie jetzt wirtschaftliche Interessen hinter dem Schutz der Gesundheit zurücktreten müssen, sollten auch in Zukunft nicht mehr rein finanzielle Bewertungen bei Verkehrsprojekten (und natürlich genauso auf anderen Gebieten) eine Rolle spielen. Ein Menschenleben muss höher stehen als wirtschaftliche Interessen und dazu braucht es Bewertungsmechanismen für Zukunftsprojekte, die sich vom klassischen Monetarisieren abwenden. Diese zu entwickeln, wird sicher nicht leicht sein, aber sollte so etwas in einem Land, dass im Angesicht einer Pandemie in vielen Bereichen ungemeine Kreativität gezeigt hat, nicht doch schnell möglich sein? Was wären die Konsequenzen einer solchen Herangehensweise? Zum Beispiel sollen keine neu angelegten Radverkehrsanlagen an vielbefahrenen Straßen ohne physischen Schutz bleiben. Wenn Länder Bürger*innen zum Tragen von Masken verpflichten können, dann können Länder doch wohl sicher auch Lkws zum Tragen von Abbiegeassistenten verpflichten. Investitionen sollen nur in solche Infrastruktur erfolgen, die allen Verkehrsteilnehmer*innen ein hohes Sicherheitsniveau bieten kann, nicht nur denjenigen auf der Innenseite der Windschutzscheibe.

Mit Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels und die zentrale Rolle, die der Verkehrssektor dabei spielt, kann ein starker Staat seine Vorteile ausspielen, indem auch mal die Alternative gewählt wird, die nicht nach klassischen Marktkriterien die wirtschaftlichste ist. Wenn jetzt Fluglinien von Staaten gestützt werden, muss dies auch zu einem Mitspracherecht in den Entscheidungen führen. Diese können für eine schnelle und umweltgerechte Ausgestaltung des Verkehrssektors genutzt werden. Stellen wir uns eine verstaatlichte Lufthansa vor, die sich auf Mittel- und Langstrecken ab einem Drehkreuz in Frankfurt konzentriert. Innerdeutsche Zubringer passieren ausschließlich per Bahn. Gleichzeitig kann das innerdeutsche Fliegen mit so hohen Abgaben belegt werden, dass auch andere Unternehmen, auf die der Staat keinen Einfluss nehmen kann, nicht die entstandenen Lücken auffüllen. Anderen Anbietern würde das Anschlusssystem per Bahn an ausgewählten Flughäfen natürlich genauso geöffnet werden. Neben solchen multimodalen Verknüpfungspunkten würden solche mit einer schlechten Bahnanbindung nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Ein großer Teil des Erfolges von Eindämmungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie hängt von uns allen als Individuen, von unseren kleinen Beiträgen ab. Vielleicht ist das eine gute Übung, wenn wir zukünftig entscheiden müssen, ob für eine Woche Urlaub wirklich die Fernreise herhalten muss oder ob wir innerhalb von Europa nicht ein uns genauso ansprechendes Ziel entdecken können. Dies spricht nicht gegen das Entdecken der Welt, sondern nur für eine Beurteilung der Quantität an Fernreisen. Auch in einem kleineren Maßstab bestehen wir weiterhin auf unserem (subjektiven) Recht der Vorfahrt oder lassen wir anderen kurz den Vortritt. Es wäre doch sehr erfreulich, wenn sich die gegenseitige Rücksichtnahme auch in den (Verkehrs-)Alltag nach Corona übertragen ließe.

Als die Corona-Pandemie in Deutschland an Schwung gewonnen hat und es nicht mehr möglich war, sämtliche Infektionsketten nachzuvollziehen, wurde schnell gehandelt. Es wurden wirksame Maßnahmen ergriffen, auch wenn diese immer wieder hinterfragt und angepasst werden müssen. Es war nicht möglich, auf die praxistaugliche Entwicklung eines Impfstoffes zu warten, deswegen wurde schnell mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gehandelt. Auf einmal wurde Radfahren systemrelevant, da es eine unschlagbar günstige und einem sehr großen Teil der Bevölkerung zur Verfügung stehende Möglichkeit ist, mobil zu bleiben und trotzdem den aus Infektionsschutzgründen gebotenen Abstand zu wahren. Gleichzeitig waren weniger Autos unterwegs und der Platz auf den Radwegen wurde knapp. Auch hier haben einzelne Verantwortungstragende schnell und pragmatisch reagiert: mit temporären Radstreifen, sogar mit großzügiger Breite! Wenn wir für die Verkehrswende genauso viel Mut zum schnellen Handeln mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten beweisen, dann werden wir unsere Ziele viel schneller erreichen können, als dies noch vor wenigen Monaten möglich erschien. Aussehen könnte es doch wie folgt: Beibehaltung der temporären Radspuren und ein weiterer Ausbau, genauso für zu Fuß Gehende eine schrittweise Umwandlung in permanente, noch sicherere vom Autoverkehr getrennte Infrastruktur. Die Entwicklung der Elektromobilität sollte nicht primär auf der Entwicklung von dementsprechenden Straßenfahrzeugen basieren. Die Bahn kann das schon seit über 100 Jahren und bietet ausgereifte, jetzt verfügbare Technologien. Hier sollte der Investitionsschwerpunkt liegen. Flughäfen haben zum Teil ihre Ausbauprojekte auf Eis gelegt. Dort sollten sie auch liegen bleiben und erst mal alles an Mobilitätsnachfrage, was vertretbar auf der Schiene abgewickelt werden kann, sollte auch dort passieren. Damit es in Bussen und Bahnen nicht zu eng wird, ist eine massive Investition in Infrastruktur, Fahrzeuge und Personal geboten.

Vor Corona wurde der Begriff der Systemrelevanz so gut wie nie verwendet, jetzt ist er aus keinem Artikel mehr wegzudenken. Doch was werden wir daraus mitnehmen? Führt es endlich zu einer besseren Bezahlung und wesentlich verbesserten Arbeitsbedingungen für diejenigen, die in eben jenen Berufen arbeiten? Wird mehr Geld in die Hand genommen werden, um die Last auf mehr Schultern verteilen zu können? Auch im Verkehrsbereich lässt sich die Frage stellen. Wenn, wie oben erwähnt, das Radfahren systemrelevant ist, ist dann eine Straße mit mehr als geringem Aufkommen an Kraftfahrzeugen ohne baulich getrennte Radinfrastruktur noch hinnehmbar? Hoffentlich nicht. Wenn wir nicht jetzt von neuen Straßen träumen, wann dann?

Natürlich stellt sich die Frage, ob sich als Konsequenz aus der aktuellen Pandemie mehr Leute abschotten werden. Im Verkehr hieße dies, dass mehr und wahrscheinlich noch fettere Autos fahren und dass weniger Rücksicht auf andere genommen würde. Oder merken wir nicht gerade auch, wie uns das zufällige Zusammentreffen im öffentlichen Raum fehlt? Wir brauchen das Gefühl, Teil einer Gesellschaft und Gemeinschaft zu sein. Ich hoffe, dass wir alle dem auch in unserer baulichen Umwelt mehr Platz einräumen werden, damit nichts davon aus potenziellen Infektionsschutzgründen abgewertet werden könnte. Also schafft mehr Platz für die einfachste Art sich zu bewegen und zu begegnen: zu Fuß und auf dem Rad, überall barrierefrei und mit ausreichend Raum. Vielleicht werden wir im Jahr 2021 alle mehr spazieren gehen und die in Rad- und Fußwege umgewandelten Park- und Fahrspuren genießen.

Während der letzten Wochen und Monate habe ich bei mir selbst, meinem engeren Umfeld, aber auch allgemein mitbekommen, wie sich Ansichten und Prioritäten wandeln. Ich wünsche mir, dass wir all dies nutzen, um schneller zu den Zielen zu gelangen, die zu erreichen für eine lebenswerte Zukunft in Einklang mit der Natur wichtig sind. Wenn wir jetzt den Virologinnen und Virologen so viel Vertrauen entgegen bringen, dann können wir uns doch auch in Fragen des Klimawandels an der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaft orientieren. Das wiederum kann nur bedeuten, dass wir schnell handeln müssen! Wir alle, als Individuen und als Gesellschaft, werden die Wahl haben: Stürzen wir uns ins hedonistische Aufholen und streben einen Zustand exakt wie vor Corona an? Oder denken wir weiter an das, was uns in dieser Zeit wichtig war und nutzen die gewonnenen Kräfte? Auf den Verkehrsbereich bezogen stelle ich mir eine schnellere und pragmatische Umsetzung der nachhaltigen Lösungen vor, die jetzt schon vorhanden sind und von immer mehr Menschen geschätzt werden. Das Schöne daran ist, dass wir nicht darauf warten müssen, bis die Corona-Pandemie vorbei ist. Wir können jetzt unsere Rad- und Fußwege, die Investitionen in guten öffentlichen Verkehr und die politischen Entscheidungen gestalten, wir müssen nicht warten! Gibt uns die Pandemie nicht diese Möglichkeit, etwas positiv gestalten zu können, und eine Freiheit, die wir auch bei allen im Moment bestehenden Einschränkungen ausüben können. Ich träume von einer nachhaltigeren und gerechteren Mobilität für alle, schon während, aber insbesondere nach Corona, und das Beste ist, ich finde den Traum viel realistischer als noch zu Beginn des Jahres 2020.